von Alisa Knoll | 5. November 2025
Der Wiener Musiker fiio veröffentlicht mit "Athena." am 07. November über corner.company ein Album für all diejenigen, die den Sound, die Melancholie und Authentizität der 2000er Indie-Hochzeit vermisst haben. Eine Mischung aus tanzbaren Riffs und gefühlvollen Melodien, die getoppt werden durch seinen unverkennbaren Wiener Sprechgesang, der sich ohrwurmartig in das eigene Gehirn setzt. Im nachfolgenden Interview haben wir mit fiio über sein neues Album, Main-Character-Momente und die Nutzung von Social Media als Künstler gesprochen.
OV: Schön, dass du da bist.
fiio: Danke, dass ich da sein darf.
OV: Wie geht's dir denn?
fiio: Mir geht's gut. Ein bisschen kränkeln, aber wer tut das nicht zur Zeit. Aber sonst alles gut.
OV: Ich würde gern mit dir ein bisschen über dein Album reden. Hat sich etwas in der Produktion geändert zum letzten Album? Wie bist du da rangegangen?
fiio: Ich glaube, es hat sich schon einiges geändert, weil man halt über die Experience von einem Album dementsprechend reifer wird. Die Prozesse werden einfacher, aber die Ideen werden dadurch auch komplexer, da sich neue Dinge erschließen, die man davor nicht konnte. Es ist halt umso mehr wieder ein Spiel, bei dem man rausfinden muss, wie man es spielt.
OV: Würdest du sagen, du hast mehr ausprobiert, dich mehr getraut? Gibt es für dich im musikalischen Sinne überhaupt etwas, wo du sagst, das würdest du gern ausprobieren?
fiio: Wir, also Jakob Lippert, mein Produzent, wir hatten die Herausforderung, dass was wir uns getraut haben, war etwas zu machen, was kohärenter ist. Einen roten Faden, einen Sound zu finden, das ist heutzutage eher was seltenes, dass man sich traut das auch durchzuziehen. Wir beide haben retrospektiv beim ersten Durchhören gesagt: Wow okay, das ist das erste Mal, dass man bei über 13 Songs wirklich sagen kann: Wir haben uns eigentlich ohne es wirklich zu wollen auf ein enges Feld an Möglichkeiten, was wir gerne mögen, begrenzt. Ich glaube, das war das was wir uns jetzt getraut haben. Aber trauen würde ich mich vieles.
OV: Was würdest du sagen, für welchen Moment, für welche Szenerie ist das Album geeignet?
fiio: Es hat etwas sehr cinematographisches, also für mich hat das sehr diese Momente hochgeholt. Je nachdem, was das für jeden Menschen ist. Das kann für jemanden eine Autofahrt sein, das kann ein Sonnenuntergang sein, das kann aber auch irgendwo im Supermarkt sein. Man spricht da ja immer so von Main Character Moments. Da ja ein zentrales Thema von Album die Romantisierung vom Alltag ist oder die Romantik über den Alltag spielt, freue ich mich umso mehr zu hören, was alle anderen eigentlich finden, was die Momente von dem Album waren, weil ich es fairerweise noch nicht so gut sagen kann.
OV: Dann muss es jede:r für sich selbst herausfinden.
fiio: Das stimmt. Das ist ja auch das Schöne daran.
OV: Gibt es einen Song auf dem Album, auf den du besonders stolz bist? Oder vielleicht eine Songzeile wo du dir denkst “genial”?
fiio: Ich glaube, ich würde mich selbst nie als genial bezeichnen. Das fände ich bisschen arschig.
So Lieblingssongs die wandern ja auch. Gerade wenn man, so wie ich, die ganze Zeit Teil des Prozesses ist, jetzt schlussendlich ist der Titeltrack der, den ich am schönsten finde, wo ich selber
auch weinen muss, wenn ich ihn höre, weil ich ihn wirklich gut, schön und dramatisch finde.
OV: Der Letzte auf dem Album?!
fiio: Genau - ‘Athena’
OV: Ich fand es eher ein bedrückendes Ende, noch ein kleiner Downer, aber keineswegs schlecht.
fiio: Wenn man das Album als Ganzes versteht, ist die Frage, wo ist so ein Song überhaupt passend? Es hat sowas balladiges, wie du sagst, was bedrückendes. Es ist ja auch ein
trauriges Lied, es geht ja eigentlich thematisch darum, dass man nicht vergessen werden will und das war für mich ein Gefühl, das sich scheiße anfühlt. Und es war halt für mich die ganze Zeit die
Frage, wo packst du das hin? Weil du kannst das Album nicht so aufmachen, das wäre vielleicht eine falsche Spur, die man dann legt. Das kann auch spannend sein, aber ich finde es eher misleading,
deswegen war’s dann eher der Closer. Der für mich dann auch für was transformatives spricht, weil am Ende hat es sich so ergeben, dass die Outros/Endsongs in meinen Projekten immer etwas
andeuten, was ich dann gern als nächstes mache.
Beim ersten Album war es, dass ich das erste Mal gesprochen habe, dass fast schon etwas poetryslam-artiges drauf vor kam, was jetzt wiederum im weiteren Album passiert: es gibt viele
Sprechpassagen, weil mir das als Form gut gefällt. Ich glaube, dass ‘Athena’ so wie es klingt, für die nächste Phase ein bisschen spricht.
OV: Hast du grobe Pläne im Kopf oder jetzt nur vom Gefühl her?
fiio: In so einem Albumprozess entstehen die Ideen und die Ideen werden recorded. Ab einem gewissen Punkt muss ich das Ganze schon gehen lassen. Ich weiß nicht, ob das Leute wissen, meistens geben Künstler:innen es schon wesentlich früher aus der Hand als man glaubt. Ich begleite das nicht bis zum letzten Mastering Prozess und genau so hatte ich dementsprechend viel Zeit mich Dingen zu widmen. Da hat sich auch einfach ein bisschen ein Weg gezeigt und den gehen Jakob und ich gerade ganz langsam mit Babysteps.
OV: Wie viel in den Lyrics ist Fingerpointing auf andere und wie viel sind Insights in deinen Kopf?
fiio: Das erste Album war ja ein sehr introsperspektives Album. Da ging’s viel um große philosophische Fragen: über das Sein, das Werden und was war. Deswegen auch dieser unglaublich komplizierte Titel: “Wir werden nur was wir schon sind". Ich habe mich jetzt in meinem Schreibprozess auch weiter entwickelt. In dem Sinne, dass ich für mich sage, ist es immer alles: Es ist Fingerpointing, es ist introspektiv. Es ist alles gleichzeitig, weil ich das auch spannend finde. So wie die Quantenteilchen in der Physik ja auch an mehreren Orten gleichzeitig sein können, finde ich das als einen künstlerischen Approach ganz interessant. Es muss nicht immer aus einer Sache sein, es kann aus mehreren Dingen gleichzeitig sein. So eröffne ich den hörenden Menschen da draußen die Möglichkeit zu sagen: Ich darf entscheiden. Das finde ich immer ganz schön, wenn ein Album Selbstermächtigung zulässt. Es ist immer bissel von allem – Träumereien, Realität, Imagination, andere Geschichten, die nicht mir passiert sind. Das wechselt von Zeile zu Zeile.
OV: Gibt's ein letztes Mal, als du dich unendlich gefühlt hast?
fiio: Gute Frage. Ich bin letztens in der U-Bahn gefahren und irgendwie war der Song richtig, in dem es um das Gefühl ging: Ich bin gar nicht gut genug für dich. Das war so die ansprechende Sache und da ich momentan sehr verliebt bin, war das so ein Moment, da habe ich weinen müssen, weil ich so glücklich verliebt war. Das war so ein Moment, in dem ich mich wirklich unendlich gefühlt habe. Unendlich fühlen ist etwas, was für mich gar nichts mit Größe zu tun hat, sondern das heißt für mich eher: Du kannst ganz kurz aus der Realität raus gehen, weil das Gefühl in dir so groß wird, dass du kurz in einen Raum treten darfst, wo es nur um dieses Gefühl geht. Und es war sehr, ich möchte nicht spirituell sagen, aber es hat schon so Annoncen von so etwas. Also es war in der U-Bahn. Klassisch in der U-Bahn geweint. Es war toll. (lacht)
OV: Da sind wir wieder bei den Main Character Momenten.
fiio: Absolut. Wenn das keiner war, weiß ich auch nicht.
OV: Wie sehr beeinflusst Social Media deinen Alltag als Musiker? Empfindest du es eher als Last oder Bereicherung?
fiio: Das allgemein zu beantworten ist schwierig, weil ich das nicht für alle Musikschaffenden sagen kann. Ich habe eine Meinung dazu. Ich habe mit Social Media ‘nen langen
Prozess durchgemacht. Es war ‘ne Last und es war auch viel Frust, Wut und Verzweiflung da. Die kommen hier und da auch mal wieder, aber schlussendlich bin ich jetzt an einem Punkt, wo ich sage:
Social Media ist nur eine Qual, wenn man noch nicht die Art Inhalte produziert hat, die einem selber sehr gefallen. Das, was mir dieses Jahr gelungen ist, Gott sei Dank mit der Hilfe von anderen
Künstlern, da war z.B. Ccosmo ein riesen Input, weil ich zu dem gekommen bin und gesagt hab “Mein Lieber ich weiß nicht weiter, was kann ich tun?” und er mir da geholfen hat
was zu finden, wo ich jetzt sage: Ich freu mich diese Art Videos zu machen , diese Art Videos zu schneiden, Farbbearbeitung zu machen, mir Dinge zu überlegen. Wenn man da ein Format findet, in
dem man wieder kreativ sein kann und dann die Tatsache einfach akzeptiert, dass die Moderne, in der wir leben, verlangt, dass man das Künstlertum auf verschiedenen Ebene macht, dann finde ich,
ist es okay. Jetzt glaube ich, bin ich an einem Punkt wo es bei mir recht nebensächlich passiert. Ich probiere es so wenig wie möglich zu konsumieren und viel mehr zu produzieren, aber ich bin am
Ende auch nur ein Mensch and I wanna be entertained. (lacht)
Das ist ein schwieriges Unterfangen, das erfordert viel. Nicht jeder Mensch, der in der Klangwelt kreativ ist, ist automatisch visuell ein kreativer Kopf. Da ist das Internet wieder cool. Man
kann ja auch schauen und suchen, man muss nur fündig werden.
OV: Gehst du dann nicht aus deiner Komfortzone, weil dein Content organisch passiert oder gibt es Momente, in denen du dich überwinden musst?
fiio: Ich glaube, die Überwindungs momente gibt es nicht mehr. Dafür mache ich das schon ein bisschen zu lange. Jetzt ist das dritte Jahr, in meinem Fall, wo man Social Media intensiv betreibt. Ich glaube nach dem dritten Jahr ist das einfach so usus. Ein mir sehr wichtiger Mensch hat mich da auch sehr begleitet und mir da eine Perspektive gegeben, die mir eigentlich ziemlich den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Dieser Mensch arbeitet bei IKEA in einer Management Position. Immer wenn wir reden, sind es halt die Arbeitswelten, die aufeinander prallen. Meine selbstständige Musikerwelt und ihre sehr rigorose 9 to 5 Manager-Welt. Irgendwann habe ich mich bei ihr ausgekotzt: “Ja das ist alles so scheiße, ich muss so viel Blödsinn machen!” Dann hat sie gesagt: “Naja, aber nenn mir irgendeinen Job, wo du nicht 40-50 Prozent Sachen machen musst, die dir überhaupt keinen Spaß machen." Sie hat gesagt, sie macht 60-70 Prozent Sachen, die ihr auf den Nerv gehen. Und ich war so “Achso, na gut. Wenn das jemand aus einer echten Profession sagt, dann darf ich fast gar nicht so reagieren." Das war zumindest das Resümee, was ich für mich ziehen konnte. Es geht nicht, ich kann mich nicht hinstellen und sagen: Ich will nur das machen, was geil ist. Weil Musik machen ist halt nicht nur geil. Es ist auch geil Songs zu schreiben, aber es ist auch meistens nicht geil sie fertig zu machen. Es ist urgeil ein Musikvideo zu drehen, aber es ist vielleicht nicht so geil es dann zu schneiden, aber das ist part of it und das ist in Ordnung.
OV: Es hat alles seine “Schattenseiten”.
fiio: Das ist ja auch gut so, weil du ja auch Perspektive für die guten Seiten brauchst.
OV: Auf was kann Mensch sich bei deiner Tour freuen, vor allem wenn man vielleicht noch nie bei einer Show von dir war?
fiio: Mein lieber Jakob, der die Songs produziert, der spielt auch Schlagzeug bei mir - wir haben glaube ich einen Schritt getan. Es wird eine Art Lichtinstallation geben, die die ganze Liveshow begleitet und einen Hybrid erschafft aus Musikkonzert und einer Art visueller Kunstform. Licht wird eine riesen, riesen Rolle spielen, weil ich finde, das ist das Wichtigste an einer Liveshow, wichtiger als die Musik, sag ich jetzt mal ganz mutig. Es wird eine sehr interessante Interpretation von Licht und Formen geben, so wird das alles eine schöne Mischform aus Musik und Lichtinstallation. Das wird sehr spannend.
OV: Das klingt sehr interessant.
OV: Du darfst gern noch etwas zeichnen und zwar “Eine ganze Torte Scham”.
fiio: Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gezeichnet habe, aber ich merke gerade, wie toll das ist.
OV: Du machst das auch gut!
fiio: Danke!
OV: Ich kann das Konzept schon erkennen.
fiio: Das ist schön. Wenn du das sagst, dann muss das ja auch irgendwie stimmen.
OV: Ich bin beeindruckt.
fiio: Danke. Ich habe noch Überraschungen in mir, immerhin. (lacht)
OV: Danke dir für deine Zeit!